Vom expressiven gehen wir jetzt zum transaktionalen Schreiben über. Während das expressive Schreiben ein Instrument der SELBSTREFLEXION ist, also der Erkundung unserer geheimsten Gedanken und Emotionen, dient das transaktionale Schreiben dem Austausch von Informationen - aber auch der Verbesserung von Kommunikation (Friedensarbeit nach M. Rosenberg)
In dieser Übung schreiben wir jener Person, die uns
- verletzt
- entwürdigt
- entmündigt
- entlassen
- gemobbt
- sadistisch gewürgt
- vergewaltigt, missbraucht
- bestohlen
- angeschossen
- versucht hat uns zu ermorden
etc. hat einen Brief.
Keine Angst - absenden werden wir ihn (noch) nicht.
Juristischer Exkurs: Solche Äußerungen könnten auch als gefährliche Drohung juristisch ausgewertet werden und man könnte deswegen geklagt werden, ins Gefängnis kommen (z.B. Maßnahmenvollzug) - obwohl man ja nur (leider in diesem Falle falsch verstandene) Vergebungsarbeit machen wollte.
Auf alle Fälle sollte man (auch mit Publikationen) einige Wochen warten und danach überlegen, ob dieser Text es wert ist, ihn zu veröffentlichen oder an die Person zu schreiben (falls sie noch lebt).
BRIEF an B. I. BG. G. R.W. Dr.W. Str. F. W. G. W. S.
Teilen Sie der Person mit
1. Wie Sie alles erlebt haben - aus Ihrer Sicht.
2. was Sie alles aus der Angelegenheit gelernt haben (z.B. Mitgefühl für enteignete/ entrechtete gefolterte Menschen - aber auch juristisches Wissen (Zivilrecht, Pflegschaftsverfahren, psychiatrisches Wissen)
3. Schreiben Sie Ihr jene Geschichte, zu der Sie nach wiederholten Neuerzählen (siehe vorige Übungen) und Neu-Erinnern gelangt sind.
4. Berichten Sie von Ihrem neuen Selbstbewusstsein (verstärkte Fähigkeit, sich selbst zu behaupten und aus diktatorischen Systemen oder kriminellen Vereinigungen selbst zu befreien) - berichten Sie von der Entstehungsgeschichte und dem langen Reflexionsprozess. Dies ist besonders wichtig, wenn der Person nicht klar ist, was sie angerichtet hat - bzw. wenn die Person noch immer in einer Machtposition ist (z.B. Politik, Schule, Uni...)
5. Äußern Sie alles, was Sie Ihrem Gegenüber schon immer haben sagen wollen. Sie sind stark und gnädig zugleich (weil sie ja z.B. wissen, warum die psychisch Person so gestört ist, dass sie andere quälen muss)
6. Jetzt haben SIE den Hut auf, das Heft in der Hand - nicht die andere Person. Es ist genau wie Ghandi einst sagte:
"Die Schwachen können nicht vergeben, es ist ein Attribut der Starken"
Warum eine Eigenschaft der Starken: Weil ein schwacher Menschen mit wenig Selbstbewusstsein VERGEBUNG als eine Gefährdung für sein ICH sieht.
Erklären Sie auch, warum Sie jetzt glauben zu wissen, WARUM die andere Person (Täter) so gehandelt hat, wie sie es hat (Kindheit, Missbrauch in der Kindheit, vom Partner verlassen - muss sich an anderen rächen)
https://www.derstandard.at/story/3393035/der-spoe-brief-an-dichand-im-bwortlaut-b
Erläutern Sie Ihre Verletzungen als ICH-Botschaft - nicht als Drohung z.B. Rache oder "Schmore ewig in der Hölle" Das würde infantil wirken.
Orientieren Sie sich dabei an den Szenen in Ihrem "Tagebuch der Vergebung".
Schreiben Sie sich all Ihren Zorn und Schmerz, aber auch ihre (enttäuschte) Liebe, Eifersucht, Frustration vom Leibe.
Und vergessen Sie nicht, auch von den neuen Entwicklungen in Ihrem Denken, Fühlen und Handeln zu berichten (Selbstbewusstsein, Erfolge)
Schließlich schreiben SIE diesen Brief und SIE haben die Kontrolle.
Erklären Sie der Person in allen Einzelheiten, was sie ihnen angetan hat und was nachher geschehen ist. Und was daran falsch war.
Zu guter Letzt teilen Sie ihr (und vor allem auch sich selbst - wenn es ein fiktiver Brief ist) mit, dass Sie vergeben, dass Sie loslassen, dass sie den Wunsch nach Rache aufgegeben haben.
Teilen Sie auch mit, dass Sie sich nicht mehr in der Opferrolle befinden und sich NICHT durch diese Taten definieren - also Identität "ich bin Missbrauchsopfer" "Ich bin Mündel"
Dieser Brief soll dem Täter, der Täterin nicht unbedingt Gewissensbisse einreden. Das Schreiben dient lediglich Ihrem eigenen Wohlbefinden.
Es ist vor allem ein Geschenk an Sie selbst:
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